Der Neue ist bereit: Wenn die Landesligakicker des TSV Weilheim am kommenden Montag in die sechswöchige Saisonvorbereitung starten, will Neu-Trainer Benjamin Geiger Mannschaft und Umfeld mit seinem Enthusiasmus anstecken. Im Interview verrät der 38-jährige A-Lizenz-Inhaber, wie er das anstellen will, auf welche Art Trainer sich die Spieler einstellen müssen und warum er zum Gewinnen nicht unbedingt Zuschauer braucht.

Ihr langjähriger Weggefährte in Boll, Günter Ascherl, sagt über Sie: „Benny ist konsequent, arbeitet nach modernen Methoden und versteht es gut, junge Spieler zu entwickeln“ - wie sieht das konkret aus?

"Es wird kein einfaches Jahr": Benjamin Geiger weiß um die Schwere der Aufgabe als Weilheimer Coach. Foto: Markus Brändli

Benjamin Geiger: Ich rede mit den jungen Spielern, um ihnen ihre Stärken und Schwächen zu zeigen. Dementsprechend versuche ich mein Training auszurichten und das einzufordern, was ich am Wochenende auf dem Platz sehen will. Dafür ist es wichtig, mit Videoanalyse der Spiele zu arbeiten. Das hatte ich auch in Boll schon so gemacht.

Stichwort junge Spieler: Nachdem der TSVW in Zukunft noch mehr auf Jugend setzt, müssen Sie, anders als zuvor in Boll, ohne Routiniers auskommen. Kann man so in der Landesliga bestehen?

Geiger: Natürlich ist uns bewusst, dass das ein Risiko ist. Aber man muss auch ehrlich sagen, dass der Umbruch so nicht gewollt war. Ich kam nicht nach Weilheim und habe gesagt: „15 Spieler müssen weg und 15 neue her.“ Wir wollten die Mannschaft eigentlich halten, ich habe mit allen Spielern Gespräche geführt. Aber nachdem der Umbruch nun so gekommen ist, haben wir gesagt, dass wir die Runde eben mit einer komplett jungen Truppe angehen. Wir werden voraussichtlich die jüngste Mannschaft der Liga haben - mit allen Risiken, die das birgt.

War Ihnen bewusst, dass es eine derart hohe Fluktuation geben wird, als Sie in Weilheim zugesagt haben?

Geiger: Nein, zu dem Zeitpunkt nicht. Mir war bewusst, dass drei, vier Spieler gehen werden. Dass es am Ende so viele werden, hat sich erst im Lauf der Zeit ergeben.

Anders gefragt: Hätten Sie den Posten abgelehnt, wenn Sie das vorher gewusst hätten?

Geiger: Nein, ich hätte mich der Aufgabe trotzdem gestellt. Wenn der Verein gesagt hätte: „Benny, du musst mit der Mannschaft jetzt aufsteigen“, hätte ich es nicht gemacht. Aber die Verantwortlichen und ich sind uns bewusst, welche Chancen und Risiken so etwas birgt - mit allen Konsequenzen. Es kann alles passieren nächste Saison.

Inwieweit hat der Abstieg der zweiten Mannschaft Auswirkungen auf Ihre Arbeit, gerade im Hinblick auf die geplante engere Verzahnung zwischen U19, U23 und Aktiven?

Geiger: Ich glaube, dass es keine allzu großen Auswirkungen hat. Klar ist aber auch, dass das Ziel der sofortige Wiederaufstieg sein muss. In der Kreisliga B werden die Jungs anders gefordert, sie werden immer in der Favoritenrolle sein. Das kann auch eine gute Schule sein. Natürlich ist der Sprung von der Kreisliga B in die Landesliga enorm. Deswegen wollen wir diesen Unterschied so schnell wie möglich wieder minimieren.

Die Übermannschaft Heiningen ist weg, aus der Verbandsliga kommt kein Absteiger - wie stark wird die Landesliga Ihrer Meinung nach kommende Saison sein?

Geiger: Ebersbach hatte schon vergangene Saison den meiner Meinung nach besten Kader und wird ebenso wie Waldstetten und Hofherrnweiler oben mitspielen. Dahinter gibt‘s wie jedes Jahr ein, zwei Überraschungsmannschaften. Dann kommen dieses Jahr auch keine „normalen“ Aufsteiger: Bonlanden und Geislingen sind zwei Mannschaften, die eigentlich etabliert sind und für die der Abstieg ein Ausrutscher war. Es wird ein Hauen und Stechen.

Und wo landet Weilheim?

Geiger: Für uns geht‘s darum dranzubleiben, um nicht ganz hinten reinzurutschen. Es wird kein einfaches Jahr und es wird auch schwierige Phasen für uns geben, das steht außer Frage. Vorgabe ist, die jungen Spieler zu entwickeln und ihnen die Perspektive zu bieten, in der Landesliga Fußball zu spielen. Diese Perspektive wollen wir natürlich so lange wie möglich aufrechterhalten. Es wäre vermessen zu sagen, mit dem Kader wollen wir unter die ersten fünf. Ich weiß, welche Erwartungshaltung das Weilheimer Umfeld nach den Erfolgen der vergangenen Jahre hat, aber da muss jetzt ein Umdenken stattfinden.

Als Lehrer an einer Gemeinschaftsschule sind Sie den Umgang mit unterschiedlichen Leistungsniveaus gewohnt - welche pädagogischen Kniffe lassen sich auf das Fußballtraining übertragen?

Geiger: Ich bin es gewohnt, vor Leuten zu stehen - morgens 20 Schüler, abends 20 erwachsene Fußballer. Da weiß ich, wie ich mich zu geben habe. Ich kann nicht alle gleich behandeln, da der eine vielleicht eher die harte Hand braucht und der andere vielleicht Streicheleinheiten. Da habe ich ein gutes Gespür für.

Also sind Sie für die Spieler Kumpeltyp und harter Hund zugleich?

Geiger: Genau, Zuckerbrot und Peitsche. Auf dem Trainingsplatz bin ich zwar einer der sehr, sehr viel verlangt von den Spielern, aber mit dem man auch einen Spaß machen kann, wenn es die Situation zulässt.

Ihr Vorgänger Eisenhardt hat hauptsächlich auf ein 4-4-2 gesetzt: Mit welchem Spielsystem wollen Sie die Weilheimer Zuschauer begeistern?

Geiger: Ist von der Mannschaft abhängig und auch vom Gegner. Ich bin keiner, der sagt: Wir spielen nur ein System. Vom Grundgedanken her will ich meine Mannschaft immer relativ offensiv ausrichten. Ich will den Gegner früh unter Druck setzen und viele Balleroberungen in dessen Hälfte. Wenn ich in den Testspielen merken sollte, dass das mit der komplett neuen Mannschaft nicht funktioniert, muss ich flexibel reagieren. Wir haben eine junge Mannschaft, da muss das Motto Vollgas lauten. Warum abwarten und gucken, was die anderen machen? Wir wollen agieren, wir müssen läuferisch auf ein Niveau kommen, damit wir den anderen überlegen sind. Vor allem, weil wir den anderen in Sachen Erfahrung unterlegen sind. Darum müssen wir viel trainieren und eine Einheit werden.

Ähnlich wie in Boll lockt Landesligafußball in Weilheim im Schnitt gerade mal um die 150 Zuschauer an. Woran liegts Ihrer Meinung nach?

Geiger: Die Stammzuschauer werden immer älter und immer weniger. Es ist nicht mehr so wie früher, dass sonntags die ganze Familie rausgeht, um sich den Heimatverein anzuschauen. Mittlerweile kannst du ja auch jeden Tag im Fernsehen Fußball in irgendeiner Form verfolgen.

Wurmt einen die vergleichsweise maue Resonanz nicht irgendwann?

Geiger: Ich bin so ein leidenschaftlicher Fußballer, dass ich auch gewinnen will, wenn keiner zuschaut. Ich nehme ohnehin nur vor und nach dem Spiel wahr, ob da 50 oder 500 Zuschauer sind. Während des Spiels bin ich fokussiert auf meine Mannschaft, dann will ich gewinnen.


Zur Person

Aufgewachsen in Sparwiesen, begann Benjamin Geiger als Fünfjähriger mit dem Fußballspielen beim FV Vorwärts Faurndau, wo er alle Jugendmannschaften durchlief. In seiner Aktivenzeit schnürte der Verteidiger die Kickstiefel für den FC Rechberghausen, den FC Uhingen, den FC Donzdorf, den damaligen Oberligisten Heidenheimer SB, den GSV Dürnau sowie den SC Geislingen und den TSV Bad Boll.

Als Trainer machte er in Dürnau als Co von Ex-VfL-Coach Norbert Stippel seine ersten Erfahrungen, ehe er als spielender Trainer beim SC Geislingen und schließlich als hauptverantwortlicher Trainer in den vergangenen dreieinhalb Jahren in Boll tätig war. Hier feierte er vor zwei Jahren den nach eigener Aussage größten Erfolg seiner Fußballerlaufbahn, als er Landesligavizemeister wurde und in der Relegation spielte.

Geiger besitzt die Trainer-A-Lizenz und arbeitet als Lehrer für Sport, Mathe und Hauswirtschaft an einer Gemeinschaftsschule in Esslingen, wo er eine fünfte, siebte, neunte und zehnte Klasse unterrichtet. Seine Ausbildung absolvierte er unter anderem am Pädagogischen Fachseminar in Kirchheim. Der 38-Jährige wohnt mit Ehefrau Domenica in Altbach, beide werden im November Eltern einer Tochter.

Quelle: https://www.teckbote.de/lokalsport/lokalnachrichten-lokalsport_artikel,-es-kann-alles-passieren-_arid,217772.html